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Der Tagesspiegel, 2. Januar 2010
von Annabelle Seubert
Wie sähe unsere Welt ohne Wände und Dächer
aus? Zugegeben, jedes Wort aus dem Nachbarzimmer will manchmal gar
nicht verstanden werden. Und der Winter mit Schnee und Eis könnte
ungemütlich sein. Aber spätestens im Sommer wäre
ein Bett unter freiem Himmel doch ziemlich reizvoll. Diese Frau
jedenfalls schlummert selig, wie sie da auf einem Baum liegt, der
neben einem Schminktisch wächst: „Interior No. 2 (Valley)“,
eine behutsame und skurrile Zeichnung, bewegt sich zwischen drinnen
und draußen – und reißt Grenzen ein. Das macht
Nikola Röthemeyer mit Vorliebe. Fenster? Türen? Finden
sich in keiner ihrer drei zärtlich gezeichneten Serien, die
die Berliner Galerie Kuckei+Kuckei ausstellt.
Aber eine Menge Frauen. Immer in Schwarz oder Weiß,
oft rot akzentuiert. Alle sind sie selbstständig, gepflegt
und ruhig – versunken in eine Tätigkeit, die irgendwie
von der Realität abweicht. Eine Dame im Minikleid arbeitet
an einem Pelz, ihrer Schneiderpuppe sitzt der Kopf eines Elches
auf. Eine andere hebt ihren langen Rock, hervor fliegen Fische mit
Flügeln. Beide kleinformatigen Zeichnungen gehören zu
einer Reihe, die Nikola Röthemeyer „Frauenzimmer“
nennt. Diesen Begriff dürfte der 1972 in Braunschweig geborenen
und in Berlin lebenden Künstlerin selbst die größte
Feministin nicht übel nehmen. Schließlich untersucht
Röthemeyer mit vielen kleinen Bleistiftstrichen die Synthese
von Figur und Raum.
„Wann werden Frauen zu Zimmern?“, fragt
sie sich. Ihre Arbeiten, in denen gebügelt, ferngesehen und
Tee getrunken wird, verraten zumindest so viel: wenn sie lieben,
was sie gerade tun. Dass das nicht immer ein typisch weiblicher
oder hausfräulicher Zeitvertreib sein muss, verrät Röthemeyer
selbst: „Mir geht es ähnlich, wenn ich zeichne. Ich tauche
ab, in eine Art Unterwasserwelt.“
Auftauchen musste Röthemeyer schließlich
für „Gravenhorst PillowBook“, ein anderes, womöglich
ihr liebevollstes Projekt – und verreisen, von der Wahlheimat
Berlin ins Münsterland. Dort wollte die Künstlerin von
elf Bewohnerinnen eines Seniorenheims wissen, welche ihre kostbarsten
Andenken seien. Heraus kamen Geschichten über Familienfotos,
Perücken, Tiffanylampen, Liebe, Ehe und Tod, die sich auf Röthemeyers
Leinwand schlichen. Doch dabei beließ sie es nicht: Mithilfe
einer Vorlage bestickten Handarbeiterinnen Kopfkissen mit ihren
Zeichnungen.
Ob Teddybär oder Schildkrötenpuppe, sämtliche
Reliquien der Seniorinnen sind nun auf Papier und Stoff verewigt.
Erwartungen und Enttäuschungen schwingen in den alten Erinnerungen
dabei gleichermaßen mit. So ganz einfach habe sie den älteren
Damen ihre Erzählungen auch nicht entlockt, gibt Nikola Röthemeyer
zu: „Da musste ich erst eine Barriere durchbrechen.“
Aber das kann sie ja gut. |